Wir leben in einer Weltwirtschaft, was niemanden mehr überrascht. Wir fühlen aber weiterhin lokal, weil wir halt eben Menschen sind. So wird über einen Todesfall in der Nachbarschaft vielleicht monatelang geredet, über eine Schlammlawine mit mehreren Toten vielleicht zwei drei Wochen und über den Bürgerkrieg in Darfur im Sudan mit tausenden Toten gar nicht. Das Problem, das ich in diesem Essay aufzeigen möchte, ist, dass die Weltwirtschaft und die Technologie unser Handeln jeder Zeit mit der grossen Welt verbinden, wir den Konsequenzen unserer Taten aber unmöglich nachfühlen können.
Wenn ich Dir also sage, dass durchschnittlich 20% des Metals Koltan in einem Handy Rebellentruppen im Kongo (DRC) finanzieren1, die Chipherstellung auch von Jugendlichen in China ausgeführt wurde2 und Du mit dem gleichen Geld (ca. 500 Sfr) per Welternährungsprogramm mehr als tausend Mahlzeiten auf Haiti kaufen könntest3 – Du kauftest Dir das Scheissteil trotzdem. Und ich auch.
Das tun wir nur, meine ich, weil wir die Konsequenzen nicht nachfühlen können. Das geschieht durch vier Elemente.
Erstens, den Zusammenhang glauben wir nicht gern. Ich fürchte, ein Teil der Brutalität in der Welt existiert nur weiter, weil wir unsere Beteiligung nicht glauben wollen. Dieses schöne iPhone soll tatsächlich zur Zerstörung von Menschenleben beitragen?
Zweitens, der Zusammenhang ist nicht mono-kausal. Das heisst, mein Handy tötet keinen Menschen, sondern unsere Handies haben die Tendenz, während ihrer Produktion die Abwertung von Menschenleben begünstigt zu haben.
Drittens, die Opfer sind, nicht nur geografisch, weit weg. Auch in der Produktionslinie wird der Kauf vom Opfer durch einige Dutzend Produktionsschritte getrennt. Dazwischen wird gut und schlecht, fair und unfair, verschmolzen und vermischt – wie die Strassenkünstler mit dem Bechern.
Viertens, alle machens, alle tuns. Das Schaf-Argument zieht auch hier, genau wie beim Abfallproblem in den Strassen und beim Wählen. Der Effekt der eigenen Tat ist so verschwindend winzig im Vergleich zum Ganzen! Ob Handy nicht kaufen, Zigarette nicht wegwerfen oder wählen gehen, unser Einfluss bewegt sich immer nur im Millionstelbereich. Warum das Argument nicht gilt, erkläre ich in einem separaten Eintrag (nächste Woche).
Diese vier Elemente, meine ich, führen dazu, dass wir bei fast jedem Kauf eine Welt akzeptieren und bestärken, die wir eigentlich unethisch finden. Das fasst sich schön in einer Frage von Dr Jim Whitman zusammen, die er uns in einer Vorlesung stellte: Wieviel von eben genau dieser Welt steckt in diesem Produkt? Es ist sehr schwierig, zu konsumieren, ohne diese Welt zu akzeptieren.
1http://www.enoughproject.org/publications/comprehensive-approach-conflict-minerals-strategy-paper, http://news.bbc.co.uk/1/hi/8234583.stm, http://www.youtube.com/watch?v=3OWj1ZGn4uM
Tags: arbeiterstandarts, ethik, fair trade, globalisierung, menschenrechte, politik, rechte

Also voll, häsch ja scho Rächt, aber wa willsch machä?
Gruäss vom Tuffy